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Autor Thema: [Background] Der Kreis des höheren Bewusstseins  (Gelesen 90479 mal)
Beschreibung: Rujanel: Charakterbogen, Präludium, Korrespondenz
Wuschel
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« Antworten #105 am: Januar 07, 2010, 19:11:07 »

Barnuta spürte, wie ihm die Felskugel auf den Fersen war. In dem Moment realisierte er, daß er es nicht schaffen würde.
Er würde enden wie ein Schnitzel - weichgeklopft.
Er hatte den verlangsamenden Rachamiel überholt, und dies rettete vermutlich sein Leben.
Barnuta wurde in den Rücken gestoßen. Unsanft flog er nahezu durch die Lücke und landete hart.
Zuerst konnte er erleichtert sein, denn er spürte Rachamiels Hand noch auf seiner Rückseite, als der Fels gegen die Wand krachte.
Doch das Aufstöhnen, das mit dem Krachen einherging, verriet ihm nichts gutes.
Als er sich umdrehte, stellte er fest, daß an der scharfen Kante, die sich vom öfteren Aufprallen des Felsens gebildet hatte, Rachamiels Arm glatt abgetrennt worden war.
In der Vertiefung, dem Loch in das er beinahe mit offen Augen hineingerannt war, steckte zur Hälfte aus seinem sichtfelt die riesige Kugel - und Rachamiel war dahinter eingeklemmt. Das bewies eindeutig die Blutspur.
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Vomo
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« Antworten #106 am: Januar 08, 2010, 14:11:49 »

Barnuta rappelte sich auf und stand da wie gelähmt. Die Situation hatte er schnell erfasst und das Gefühl von Schuld bereitete sich in ihm aus. Rachamiel hatte sein eigenes Leben gegeben, um das seine zu retten. Wie eine stumme Anklage lag der abgetrennte Arm Rachamiels auf dem felsigen Boden. Die Blutspur ließ keinen Zweifel daran, welches Schicksal den Salubri ereilt hatte. Die Hand, welche den Westslaven in Sicherheit gebracht hatte, dürfte das einzige Körperteil Rachamiels sein, welches nicht von dem gewaltigen Fels zerschmettert worden war.

Barnuta wusste für den Moment keinen Rat. Weder war ihm klar, was genau sein Begleiter hier unten gesucht hatte, noch, ob es irgendeinen Sinn hatte die Suche jetzt allein fortzusetzen. Selbst wenn er es schaffen würde, den riesigen Felsbrocken zur Seite zu bewegen, so würde er dem Salubri keine Hilfe leisten können. Alles, was Barnuta noch möglich schien, war es, zumindest zu versuchen den Leichnam zu bergen. Langsam und respektvoll näherte er sich dem Felsbrocken und nahm ihn genau in Augenschein.

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« Antworten #107 am: Januar 10, 2010, 03:37:14 »

Als Barnuta an den Felsen herantrat, vernahm er etwas merkwürdigens: Ein leichtes Schaben.
Bei näherer Betrachteung konnte er auch den Ursprung ausmachen. Der graue Stein war kein massives Gebilde und bestand aus asymetrischen Platten, die sich in einem langsamen Rythmus aneinander rieben.
Von Rachamiel war kein Laut zu hören.

Die Kugel kan in Bewegung
Eine der Länglichen Platten platzte förmlich ab, blieb jedoch an der oberen kurzen Seite mit der Kugel verbunden.
Gestank breitete sich aus.
Unter und hinter ihr floß dückflüssiges Blut hervor, das von Rachamiel stammen musste.

Unter der Platte war gräuliches Fleisch zu erkennen. Wie ein gepanzerter Arm löste sich eine Extremität. Eine Art Hand, die zu einer Faust verwachsen und so groß wie Barnutas Torso war betastete seine Umgebung. Am rauen Steinboden blieben kleine weiße Hautfetzen hängen.
Die Hand ertastete die Stelle, an der Rachamiels Arm abgerissen wurde, und stoppte kurz, als würde sie das Blut beschnüffeln. Dann packte sie entschlossen zu, die Finger rissen mit einem Geräusch das Barnuta fast den Magen umdrehte, auseinander, krallte sich in die Kante.
Ein zweites solches Körperteil löste sich nun doch symetrisch auf der anderen seite der Kungel und wiederholte die Prozedur, was das Geräusch des Reißens nicht erträglicher machte.

Wie ein kopfloser dicker Mann begann es, seine Masse aus der Öffnung zu hieven.
Scharrend schob es sich nach vorne.
Als sich das Wesen zum Großteil aus der Öffung gepresst hatte, spangen ringförmig und senkrecht zu Barnuta an seinem fast perfekt runden Körper entlang weitere seiner Steinpanzerplatten ab.
Noch mehr fauliger Gestank erfüllte die Luft.
Hervor traten kleine Hände, die es fortbewegten, in dem sie wie ein Rad, das sich selbst antieb, eine nach der anderen den Boden erreichte, wie die Speichen eines Mühlrades, um den Massigen Körper nach vorne zu drücken. All dies geschah unendlich langsam, doch unweigerlich würde es die Richtung einschlagen, aus der es gekommen war.
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« Antworten #108 am: Januar 10, 2010, 03:59:18 »

Das abstruse Schauspiel trieb Barnutas Verstand an seine Grenzen. So etwas hatte er noch nie gesehen. Instinktiv nahm er von diesem »Etwas« Abstand und seine Hand legte sich um den Griff seiner Damaszener-Klinge. Langsam zog sich Barnuta in die Öffnung zurück, welcher er sein Leben verdankte, und beobachtete mit einigem Abscheu das unheimliche Schauspiel. Allein der Gestank machte es ihm schwer, die Fassung zu bewahren, doch war es auch dieser eruch, der ihm deutlich klar machte, dass seine Phantasie ihm keinen Streich spielte. Es war alles fürchterlich real.

Barnuta nahm sich vor, sich den Überresten Rachamiels zu nähern und diese zu bergen, sobald dies gefahrlos möglich war. Seine ganze Aufmerksamkeit galt jedoch für den Augenblick dieser lebendigen Felskugel.
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« Antworten #109 am: Januar 10, 2010, 18:50:29 »

Die armartigen Extremitäten drehten sich bei seiner rollenden Fortbewegung nicht mit, sonder zeigten immer nach unten, von den Steinplatten bedeckt. So hielt es sein Gleichgewicht, indem es sich abwechselnd rechts und links absteiß. Krachend machte sich das Wesen auf den Weg zurück, ohne Barnuta auch nur zu beachten. Ob es überhaupt über irgendwelche Sinne verfügte konnte er nicht erkennen, jedenfalls folgte es zeilstrebig seinem Weg. Was ihm gesagt hatte, die Jagd auf sie aufzunehmen, blieb ebenfalls ein Geheimnis. An seiner Rückseite sickerte Blut herab und hinterlies eine Spur, der man folgen konnte, wie Brotkrumen.

Was dieses Wesen angerichet hatte, blieb jedoch kein Geheimnis für ihn. Als er vor die Öffnung trat, die es aufgefangen hatte, offenbarte sich ein grausames Bild.
An der Rückwand war ein Brett  aus mittlerweile versteinertem Holz angebracht. Es war mit spitzen Pfählen gespickt, die in der Mitte meist abgebrochen waren.
Unglücklicherweise war Rachamiel Seitlich hineingeraten, wo er an den längeren Spitzen aufgespießt worden war. Hilflos stand er beinahe aufrecht, seinen Brustkorb, Beine und Arme durchstochen. Seine Rippen waren eingedrückt, als wäre er zwischen Hammer und Amboss geraten. Sie hatten sich durch die Haut gebort und gaben ihm unter der Robe eine verzerrte Gestalt. Eine große Menge Blut klebte an der Wand und war auf dem Boden verteilt. Sein Gewand hatte sich ebenfalls rot gefärbt.
Rachamiels Augen waren aufgerissen, sogar das normalerweise geschlossene Dritte Augen auf seiner Stirn. Überraschung war darin eingraviert, und kein Leben war in ihnen zu sehen.
« Letzte Änderung: Januar 11, 2010, 16:30:53 von Wuschel » Gespeichert
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« Antworten #110 am: Januar 10, 2010, 20:49:47 »

Misstrauisch folgte Barnutas Blick der lebenden Felskugel. Als sie aus seinem Blickfeld verschwand, löste sich seine Hand vom Heft seiner Waffe. Dann wandte er sich den Überresten Rachamiels zu, welche er schon kurz aus dem Augenwinkel gesehen hatte, als der Brockendie Sicht frei gab.

Mit hängenden Schultern ging Barnuta auf das tödliche Finale dieser Falle zu. Er war immer noch geschockt. Ein kleiner Teil in seinen Gedanken zollte dem Baumeister dieser Falle Respekt. Sie war ebenso einfach, wie effizient. Doch die Trauer überwog. Bewusst wurde es dem Westslaven, als der Schock wich und seine Sicht verschwamm. Es dauerte ein paar Augenblicke, bis ihm klar wurde, dass er über den Tod seines Begleiters Tränen vergoss. Sein Körper verlor jegliche Spannung und sackte in sich zusammen. Vor dem Körper des Salubri kniend, vergrub er sein Gesicht in seinen Händen und weinte hemmungslos. Es wunderte ihn selbst ein wenig, wie sehr er Rachamiel in der kurzen Zeit ins Herz geschlossen hatte. Vermutlich hatte er einen Stellenwert im Leben Barnutas eingenommen, der dem Joels sehr nahe kam.

Es war ihm nicht bewusst, wie lange er in dieser Pose verharrt hatte, doch irgendwann hatte Barnuta keine Tränen mehr. Er schluckte schwer, wischte sich die Augen trocken und erhob sich mit grimmigem Blick. Barnuta war entschlossen, seinen Plan in die Tat umzusetzen. Er ging auf Rachamiel zu und umfasste den Körper kurzentschlossen. Unter dem Einsatz aller seiner Kräfte versuchte er den geschändeten Körper des Salubri vom Holzpfahl zu ziehen.
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« Antworten #111 am: Januar 12, 2010, 23:01:08 »

Barnuta musste aus leibeskräften an Rachamiels zerschmetterten Körper ziehen und ihn gleizeitig heben, um ihn von den Spießen zu ziehen. Sie waren beinahe armdick. Noch mehr Blut floß aus deinem Körper heraus, mehr als er es jemals bei einem Menschen gesehen hatte. Sein Körper knackte in Barnuras Armen. Er konnte spüren wie sich die Rippen durch die Haut gebohrt hatten.
Die aufgerissesnen erstarrten Augen waren gebrochen und starrten ihn an. Außerdem fühlte sich der Körper ungewöhnlich steif an, als wäre er schon länger tot.
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« Antworten #112 am: Januar 12, 2010, 23:16:09 »

Barnuta legte den zerschundenen Körper des Salubri in der Nische ab, in welcher er Zuflucht vor dem Felsbrocken gefunden hatte und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Noch immer schmerzte ihn der Anblick und er brauchte einige Zeit, sich zu sammeln und wieder zu Kräften zu kommen. Nachdem er sich wieder etwas regeneriert hatte stand er auf, sammelte den abgetrennten Arm Rachamiels ein und legte ihn neben den Leichnam.

Dann trat er aus dem Durchbruch heraus und ging ein paar Schritte auf dem Weg, welchen er zuvor hinab gerannt war. Zum einen hatte Barnuta vor, sich das Loch genauer anzusehen, über welches er zuvor noch gesprungen war. Zum anderen wollte er versuchen den Weg wieder hinaufzugehen und den Mechanismus, der diese merkwürdige Falle ausgelöst hatte, zu finden und außer Kraft zu setzen. Schließlich wollte er nicht Gefahr laufen von dieser lebendigen Felskugel überrollt zu werden, wenn er gerade damit beschäftigt war den Körper Rachamiels aus dieser Höhle zu bergen.

Einen letzten Blick über die Schulter auf den Körper des Salubri werfend begann Barnuta sein Vorhaben in die Tat umzusetzen und ging auf die Fallgrube zu. Noch auf dem Weg dahin begann Barnuta zu grübeln. Irgendetwas war nicht so, wie es hätte sein sollen. Er versuchte sich in Erinnerung zu rufen, was er alles in der vergangenen Woche im Gespräch mit Frederic Marcin über Vampire erfahren hatte, denn als dieser hatte sich Rachamiel ihm gegenüber ja ausgegeben.

« Letzte Änderung: Januar 13, 2010, 22:04:27 von Vomo » Gespeichert

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« Antworten #113 am: Januar 14, 2010, 21:52:35 »

Als die Fallgrube wieder in Sicht kam, dort wo der Nebel in den Abgrund floß wie Mehlsuppe, fiele es ihm plötzlich wieder ein...

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"Der Körper eines Kainiten wird so erhalten, wie er war, als er als Mensch starb. Welche Veränderungen man auch immer danach vornehmen mag, sie verschwinden, sobald der Tag vorbei ist. Es gibt wenige, die fähig sind, diese Gesetze außer Acht zu lassen. Zum Beispiel der Clan Tzimisce. In ihrem Blut liegt es, das Fleisch zu Formen wie Ton. Auch bei den Untoten," erklärte Marcin. Er schüttelte sich, als bereitete ihm der Gedanke an diese Fähigkeit unbehagen.
Schnell wechselte er das Thema.
"Doch wenn ein Kainit ganz vernichtet wird, nimmt sein Körper die Form an, die er eigentlich zu diesem Zeitpunkt haben sollte, wäre er eines natürlichen Todes gestorben..."


---

...hallte es in Barnutas Kopf nach. Gerade, als er begriff, daß wenn Rachamiel die Wahrheit gesagt hätte, er zu Staub zerfallen hätte müssen, schreckte er wie von selbst auf. Etwas war hinter ihm.

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« Antworten #114 am: Januar 14, 2010, 22:51:13 »

Die sich aufstellenden Nackenhärchen waren ein deutliches Signal. Barnuta wandte den Kopf so weit, dass er aus dem Augenwinkel erkennen konnte, was da in seinem Rücken aufgetaucht war.

« Letzte Änderung: Januar 14, 2010, 23:16:57 von Vomo » Gespeichert

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« Antworten #115 am: Januar 15, 2010, 17:05:00 »

Barnuta sah Rachamiel...
zusammengekrümmt bewegte er sich auf ihn zu, seinen rechten Arm in der linken Hand haltend, hilflos umher rundernd.
All seine drei Augen waren weit aufgerissen, doch nicht die engelsgleiche Liebe durchströmte sie, sondern nichts, was einem menschlichen Geist glich.
Den Mund hatte er geöffnet, die Zähne gebleckt. Lange Fänge geiferten Blut, das ihm unablässig in einem dünnen Faden über die Lippen lief.
Das Monster Rachamiel schwankte vorwärts. Seine gebrochenen Rippen machten ihn von vorne noch dünner, als er schon gewesen war, und bewegten sich bei jeden schleppenden Schritt.
Er war ihm schon sehr nahe, vielleicht noch eine Armlänge entfernt. Wie er sich so leise hatte an ihn heranschleichen können,war Barnuta ein Rätsel. Allein das Herabtropfen den Blutes hatte ihn aufmerksam gemacht.
Mordlust blitzte auf.
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« Antworten #116 am: Januar 16, 2010, 21:46:49 »

Der Schreck fuhr Barnuta in die Glieder, als er Rachamiel mordlüstern hinter sich gewahr wurde. Doch sein Instinkt hatte ihn gewarnt und so erstarrte er nicht.

Es erwies sich als ein glücklicher Umstand, dass Barnuta nur den Kopf dem Geräusch zugewandt hatte. Seine Füße und der ganze Körper waren für einen Fluchtreflex in der richtigen Richtung. Und so schnellte Barnuta von dem nahenden Salubri weg, um sich mit einem Satz über die Fallgrube in Sicherheit zu bringen. Er hatte keine Ahnung, wie sehr Rachamiel in seiner Bewegungsfähigkeit eingeschränkt war, nachdem er von der lebendigen Kugel erwischt und von dem Holzpflock aufgespießt worden war. Er hoffte, dass die Fallgrube der nötige Sicherheitsabstand zu Rachamiel sein würde und dieser selbige nicht überwinden konnte. Die akute Gefahr für Leib und Leben war ihm durchaus bewusst. Das, was sich gerade in den Zügen Rachamiels zeigte musste das Tier sein, von welchem er gerade noch vor kurzem gesprochen hatte.

Und noch ein Gedanke ging Barnuta durch den Kopf, als er gerade zum Sprung ansetzte. Ich bin es, dem Rachamiel seinen Zustand zu verdanken hat. Wäre ich im Stande gewesen, dem Felsen rechtzeitig von alleine auszuweichen, wäre Rachamiel nicht in der Not gewesen mich zu retten und sich selbst dafür zu opfern. Es wäre nur gerecht, wenn ich jetzt sterben würde.

Barnutas rechter Fuß setzte an der Kante der Fallgrube auf und er stieß sich mit aller Kraft ab.
« Letzte Änderung: Januar 16, 2010, 21:57:01 von Vomo » Gespeichert

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« Antworten #117 am: Januar 17, 2010, 22:06:30 »

Als Barnuta sich im Sprung befand, fror die Zeit nahezu ein. Der Streß in seinen Adern hatte ihn so aufgeputscht, daß er sich plötzlich ganz langsam bewegte.
Er hörte einen sich ausbreitenden Knall.
Unheimlich schnell, in keinem Vergleich zu seinem langsamen Flug, eilte der Rachamiel an ihm vorbei.
Sein rot getränktes Gewand ließ ihn wie einen Racheengel erscheinen.
Der Engel des Todes machte einen kleinen Bogen, und kam am Ende des kleinen Abgrunds, den Barnuta übersprang, ihm zugewandt zum stehen.
Jetzt erst ließ er seinen abgerissen Arm fallen.
Er breitete den anderen Arm aus, um Barnuta aufzufangen.
Immernoch unendlich verlangsamt flog er auf Rachamiel zu. In seinen drei weit geöffneten Augen spiegelte sich nun aber nicht mehr Rasende Wut, sondern ein unendlicher Schmerz, der Barnuta jede Kraft raubte, etwas anderes zu tun, als sich selbst zuzusehen.
Er prallte hart auf. Rachamiels Rippen knirschten, doch blieb er stehen wie ein Fels.
Mit übermenschlicher Kraft schloss sich der Arm um ihn, daß nun seinerseits die Knochen knackten. Rachamiel neigte den Kopf, und grub seine Zähne in Barnutas Fleisch, nahe des Schlüsselbeines. Der erwartete Schmerz blieb aus, totz der Wut, die Rachamiel noch zuvor augestrahlt hatte. Er fühlte sich ganz leicht. Der Ort, an dem er sich befand verlor jede Bedeutung.

Barnuta schwebte.
Weißes Licht umgab ihn.


Seine Glieder wurden schwer.
Er spürte, wie das Leben aus seinem Körper gesogen wurde.
Er spürte, wie sich Rachamiels Körper erholte, sich die zerbrochenen Rippen sich wieder zusammenfügten.
Er spürte, daß er sein Leben nun aushauchen würde.
Blutrote Tränen rannen aus Rachamiels nun geschlossenen Augen. Wie ein warmer Regen weichten sie sein Hemd auf und rannen seine Brust hinab.

Eine warme Bahmherzigkeit umfing Barnuta. Alle Ängste fielen von ihm ab, als würde er sicher nach Hause kommen. Die Vertrautheit, die er in dem Armen des Übermächtigen spürte, wahr noch näher als die zu Joel, ja sogar seiner Mutter, oder irgendeiner anderen Person, der er jemals begegnet war.
« Letzte Änderung: Januar 18, 2010, 14:45:19 von Wuschel » Gespeichert
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« Antworten #118 am: Januar 31, 2010, 00:28:23 »

Barnuta sprang. Und noch im Sprung wurde im klar, wie nutzlos und vergeblich seine Flucht gewesen war. Du Narr! Nach all den Jahren hast du es nun doch fertig gebracht dich selbst in Gefahr zu begeben, um darin umzukommen, schalt er sich selbst. Wie bereitwillig du doch deinem Tod gefolgt bist!

Der Aufprall auf das entmenschlichte Wesen, das nur noch entfernt an Rachamiel erinnerte, trieb ihm die Luft aus den Lungen. Der ihn fest umschlingende Arm ließ ihn ächzen. Die sich in ihn grabenden Zähne waren das letzte, was er körperlich spürte.

Das sich ausbreitende Gefühl der Verzückung löschte alles Irdische aus. Doch die Gedanken wirbelten wild durcheinander, während – gleich seinem Blut – das Leben Barnutas Körper stoßweise verlies. …

Stimmen. Aufgeregte Stimmen. Er öffnete seine Augen. Es dauerte einige Augenblicke, bis er sich zurechtfand. Im Nebenraum wurde gestritten - zwar mit gedämpften Stimmen, aber dennoch vehement. Er schüttelte seinen Kopf. Er war doch tatsächlich wieder eingenickt. Noch nie hatte er die nächtlichen Besucher seines Herrn bewirten müssen. Dennoch hatte er sich stets bemüht die in einer ihm unbekannten Sprache geführten Gespräche zu verfolgen und zu verstehen. Und auch dieses Mal hatte ihn der Schlaf besiegt. Doch im Unterschied zu den vorausgegangenen Malen war er diesmal aufgewacht, bevor sich die nächtlichen Besucher wieder auf den Weg gemacht hatten. Das sie einander uneins waren, war äußerst ungewöhnlich. Doch bleierne Müdigkeit ergriff wieder Besitz von seinen Lidern und sanfte Schwärze umfing seinen Blick.

   … Eine nie zuvor gespürte Ruhe ergriff Barnuta. …

Stimmen. Aufgeregte Stimmen. Jemand schrie in Todesqual, während andere geschäftig hin und her eilten. Er wandte den Kopf. Der Sterbende war kein schöner Anblick. Eigentlich war es ein Wunder, dass der Mann noch am Leben war. Mehrere Schwerthiebe hatten tiefe Wunden hinterlassen und der Strom des Blutes ließ sich nicht stoppen. Er griff in seine Umhängetasche und holte zwei Leinentücher hervor und wollte den Schwerverletzten versorgen. Eine Hand legte sich auf seine Schulter und stoppte sein Vorhaben. "Es ist zu spät. Du kannst ihm nicht mehr helfen. Aber die anderen hier brauchen deine Hilfe." Der Mann, welcher in gerade angesprochen hatte, wies auf die Männer, die neben dem Sterbenden auf dem Boden des Lazarettzeltes lagen.

      … Sein heftig schlagendes Herz …

Stimmen. Aufgeregte Stimmen. Sein Schwert fiel klirrend zu Boden. Der Mann, der soeben noch versucht hatte ihm das Leben zu nehmen, floh mit bestürztem Blick. Er sank neben dem Sterbenden auf die Knie und versuchte dessen Leben zu retten. Seine Hände pressten auf den Brustkorb des Mannes, der ihn kurz zuvor noch verfolgt hatte. Doch dessen Leben strömte unaufhaltsam durch seine Finger. "Was tut ihr da?" erschallte in diesem Augenblick eine Stimme hinter ihm. Ein gutgekleideter Reiter mit entsetztem Gesicht war auf dem Markt erschienen und sah ihn über dem Körper des Sterbenden knien. "Was habt ihr nur getan? Geht sofort von ihm weg! Gernot!!" Der Reiter gab dem Pferd die Sporen, um ihn niederzureiten. Er selbst zögerte nicht einen Augenblick; er sprang auf und rannte, schlug Haken, drückte sich in Seitengassen und lief so schnell ihn seine Beine trugen. Mehrmals hörte er die Stimme des Reiters und das Klappern der Pferdehufe, doch er drehte sich nicht um.

         … trieb den Lebensstrom seines Körpers …

Stimmen. Aufgeregte Stimmen. "Ja! Das war richtig!" Begeisterung strahlte ihm aus dem rundlichen, mit Sommersprossen übersäten Gesicht des großen Jungen entgegen. "Es ist unglaublich, wie gut du Sprachen lernen kannst. Aber das reicht für heute." Er mochte den Jungen. Obwohl dieser etwas größer und auch älter war als er selbst, waren sie gute Freunde. Sie sprangen beide von den unteren Ästen der Eiche, auf welchen sie bis eben noch nebeneinander gesessen hatten und rannten über die Wiese. Die Weidenruten in ihren Händen waren Schwerter, mit denen sie die wehrhaften Armeen der Feinde bezwangen und niedermähten – spielend über die Tatsache hinwegsehend, dass es sich bei diesen Armeen um Disteln handelte.

            … in den Rachen Rachamiels. …

Stimmen. Aufgeregte Stimmen. Trotz des Flüsterns konnte er die Anspannung in der Stimme seines Begleiters wahrnehmen. "Langsam! Ganz langsam! Lass dir Zeit und ziele genau", wurde er instruiert. Er hielt den linken Arm gestreckt und die Sehne gespannt. Er schloss das linke Auge und zielte über den Schaft des Pfeils. Es kostete ihn große Mühe die Zuglast des Jagdbogens zu halten und gleichzeitig die Bewegung seines Ziels vorauszuahnen. Doch dann gelang es ihm, den heraufziehenden Schmerz im seinen viel zu kleinen Armen auszublenden. Irgendwie schien die Zeit plötzlich langsamer zu vergehen und er konnte beinahe sehen, wie der Pfeil gleich sein Ziel finden würde. Seine Finger lösten sich von der Sehne und der Pfeil schnellte davon. Er schloss die Augen und ließ den Bogen sinken. Das nächste, was er spürte, waren die kräftigen Arme seine Vaters, die ihn liebevoll umschlossen. Während der ihn an sich drückte, öffnete er wieder seine Augen und sah über dessen Schulter. Sein Pfeil hatte tatsächlich die Mitte der aus Schilf geflochtenen Scheibe gefunden, obwohl sie an einem schwingenden Ast befestigt war.

               … Eine wohlige Wärme …

Stimmen. Aufgeregte Stimmen. Der Basar, wie die orientalischen Märkte genannt wurden, leerte sich nur langsam, obwohl die Dämmerung sehr schnell hereinbrach. Er war müde und gerade dabei, sich zwischen einigen Säcken am Hafen für diese Nacht ein Lager einzurichten, als eine weiche Stimme ihn in der ihm vertrauten deutschen Sprache darauf aufmerksam machte, dass der Hafen kein sicherer Platz zum Übernachten sei. Erschrocken, mehr darüber, dass der Fremde ihn in seiner Sprache anredete, als über den Inhalt der Warnung, sprang er auf, um den Sprecher zu sehen, der sich bislang in den Schatten gehalten hatte. Dass er diese Sprache verstand, konnte der Fremde nur dadurch in Erfahrung gebracht haben, dass er ihn schon längere Zeit beobachtet hatte. Sein Misstrauen war groß. Der Fremde, der orientalisch aussah und in dessen Gesicht sich die Erfahrung mehrerer Jahrzehnte widerspiegelte, sah ihn freundlich an. In den Augen des Alten konnte er keine Falschheit entdecken. Der Orientale reichte ihm eine Hand und bot ihm ein sicheres Nachtlager und ein Essen dafür an, dass er am kommenden Tag einige Dinge für ihn erledigte. Er zögerte nur kurz, bevor er einwilligte.

                  … breitete sich …

Stimmen. Aufgeregte Stimmen. Es bereitete ihm Mühe, seinen Kopf zu heben um die schaulustige Menge zu sehen. Zu sehr schränkte ihn der Balken, der Hände und Kopf an Ort und Stelle hielt, in seiner Bewegungsfreiheit ein. Was die Leute ihm zuriefen, konnte er nicht verstehen. Er verstand ihre Sprache nicht. Doch die Stimmung konnte er sehr wohl erfassen. Unverhohlen schlug ihm Feindseligkeit entgegen. Und das schon seit drei Tagen, die er hier ohne Nahrung verbringen musste. Aber das war es ihm wert. Es mochte von den Magyaren als gerechtfertigt angesehen werden, dass ein Dieb bestraft werden musste. Doch wenn dieser Dieb ein kleiner hungriger Junge war, der vom Marktbüttel dabei erwischt worden war, wie er einen Apfel stahl, dann konnte er nicht anders handeln, als er es getan hatte. Er war dem Büttel in den Arm gefallen, bevor dessen Knüppel auf den Jungen niedersausen konnte. Dass er den Apfel für den Hungernden bezahlen wollte, konnte er nicht mehr klarstellen. Schnell war er selbst von zwei weiteren Marktbütteln überwältigt worden und an den Pranger gestellt worden.

                     … in seinem Körper aus. …

Stimmen. Aufgeregte Stimmen. "Du schmutziger Slawe!", schrie ihn der Mann mit zornesrotem Gesicht an, "stirb, wenn du dich unbedingt opfern willst!" Sowohl der Wütende, als auch sein Begleiter zogen ihre Schwerter und sprangen auf ihn zu. Die Marktbesucher stoben schreiend auseinander. Er sprang hinter seinen Karren und griff sich einen kleinen Honigtopf sowie das Schwert, welches sein Vater ihm mitgegeben hatte. Er suchte nicht den Kampf, sondern versuchte ihn immer noch zu vermeiden. Dementsprechend wich er den beiden Männern über andere Karren und Marktstände springend aus. Irgendwann gelang es ihm, den Begleiter des Schreihalses mit dem Honigtopf außer Gefecht zu setzen, indem er das schwere Tongefäß an dessen Kopf zerschmetterte. Der Wortführer nutzte diesen Moment für einen gezielten Streich auf ihn, stolperte jedoch und geriet dadurch ins Straucheln. So schrammte dessen Schwertspitze nur an seiner Stirn entlang, anstatt ihm den Schädel zu spalten. Blut rann und floss ihm ins rechte Auge. Erneut setzte der Hasserfüllte ihm zu und er selbst musste aufgrund seiner eingeschränkten Sicht zurückweichen. Den anderen Mann, der sich inzwischen wieder aufgerappelt hatte, nahm er gar nicht mehr wahr. Was er jedoch sah, war dessen Schwert, wie es in die Brust des ihm nachsetzenden zornigen Mannes drang.

                        … Die Enttäuschung …

Stimmen. Aufgeregte Stimmen. Viele Pilger waren auf dem Weg ins Heilige Land und begleiteten ihn auf seinem Weg durch die Tore der orientalischen Stadt. Die Sprache der Einheimischen verstand er nicht. Der Hunger, den er verspürte, trieb ihn jedoch dazu an Arbeit zu finden. Er versuchte sich als Arbeiter zu verdingen, indem er mit Hilfe von Gebärden und Fingern, in Tavernen und auf Märkten, bei Händlern und im Hafen seine Hilfe anbot. Selten wurde er angemessen entlohnt, falls er doch einmal eine Arbeit gefunden hatte.

                           … über sein eigenes Scheitern …

Stimmen. Aufgeregte Stimmen. Schreie. Schreie von einer Frau, die sich offenbar in Gefahr befand. Er rannte los, um gleich darauf die Quelle der Schreie zu entdecken. In einer Seitengasse, welche vom Hafen wegführte, versuchte ein Seemann, offenbar ein Grieche, sich zwischen Kisten und Fässern auf einem Haufen Fischernetze an einer jungen Frau zu vergehen. Ohne lange zu überlegen, oder sich gar umzusehen, ging er dazwischen. Er riss ein loses Brett von einer der Kisten und schrie den Griechen an. Dieser reagierte jedoch nicht darauf, was ihn dazu veranlasste, das Brett auf dessen Rücken zu zertrümmern. Der Schmerz war eine Sprache, die der Grieche wohl verstand, denn er ließ augenblicklich von der jungen Frau ab, die sich wegwälzte und aufrappelte. Er wollte ihr zur Hilfe eilen, doch die Hände mehrerer Männer rissen ihn zurück und schlugen auf ihn ein. Noch während er unter Schlägen und Tritten, begleitet von griechischen Beschimpfungen, zu Boden ging, konnte er, an den Beinen der Seeleute vorbeischauend, die junge Frau entkommen sehen und ein zufriedener Ausdruck stahl sich in seinen Blick.

                              …wurde zur Nebensächlichkeit …

Stimmen. Aufgeregte Stimmen. Panik wallte in ihm hoch. Hatte man ihn verfolgt? Wie konnte dieser Mann ihn hier finden? Hatte er ihn erkannt? Schnell senkte er den Kopf "Verzeiht mir, edle Herren, ich spreche eure Sprache nur, weil man sie mich hier gelehrt hat. Es sind oft Patienten aus den deutschen Landen hier." Der Kreuzfahrer trat näher an ihn heran, die Stirn runzelnd. Im Halbdunkel des Korridors waren seine Gesichtszüge glücklicherweise nicht zu klar zu erkennen, aber der Ritter begann sich offenbar an ihn zu erinnern. Ihm wurde die Kapuze herunter geschoben und sein weißblondes Haar kam zum Vorschein. "Aus welchem Land kommst du?" fragte der Ritter misstrauisch noch einmal, während er angestrengt überlegte, mit welchem Ereignis er dieses Gesicht in Verbindung bringen sollte. "Aus ... Dänemark, mein Herr", stieß er mit nur kurzer Pause hervor. "Eine scheußliche Narbe habt ihr da", bemerkte der Ritter mit Blick auf seine Stirn. "Ein Pferd trat mich, als ich noch ein Kind war. Aber bitte, Ihr müsst mich nun entschuldigen, ich sollte mich wieder schnellstmöglich den Kranken widmen, sie warten bereits darauf." Widerwillig ließ der Ritter von ihm ab, behielt ihn aber genau im Blick. Er hob leicht den Kopf, bevor er sich umdrehte und für einen Augenblick begegneten sich die Blicke der beiden. Dann setzte er hastig seinen Weg fort und fast wäre das Wasser aus der Schüssel geschwappt.

                                 … und erlosch. …

Stimmen. Aufgeregte Stimmen. Vor ihm lag die Weite des Ionischen Meeres und darüber spannte sich ein wolkenloser Himmel. Seine Füße fanden auf der schmalen Reling nicht genügend Platz für einen sicheren Stand. Die Stimmen in seinem Rücken waren hasserfüllt. Die zurückliegenden zwei Wochen war er in den Reihen der griechischen Seeleute zwar geduldet worden, doch freundlich waren sie ihm nie begegnet. Schließlich musste er nur das Mitglied der Mannschaft ersetzen, für dessen Ausfall er in ihren Augen verantwortlich war.  Er wandte den Kopf und sah den inzwischen genesenen Griechen hervortreten. In dessen Augen loderte es. "Kannst du schwimmen?", fragte ihn dieser und stieß ihn, ohne eine Antwort abzuwarten. Er stürzte in die azurblauen Fluten und das Wasser schlug über seinem Kopf zusammen.

                                    … Friede ergriff Besitz von ihm …

Stimmen. Aufgeregte Stimmen. Er verhandelte gerade wieder über den Preis eines größeren Honigtopfes, als er unweit seines Karrens deutlich das Klirren von zerbrechendem Ton und die jammernde Stimme eines Mannes vernehmen konnte, der um Mitleid bat. Er sah auf und erblickte einen Mann, vielleicht zehn Jahre älter als er selbst, der mit einem spöttischen Lachen die zum Kauf feilgebotenen Tongefäße eines alten Händlers auf den Boden warf. Dieser kniete jammernd zwischen den Scherben und flehte um Mitleid, was aber dem Jüngeren und seinem Begleiter nur ein weiteres spöttisches Lachen entlockte. Er ging hinüber und sprach ihn an: "Nicht dass es mich kümmern würde, was du mit den Krügen machst, aber bezahlen wirst du sie ihm doch, oder?" "Recht hast du, es hat dich nicht zu kümmern!", kam die amüsierte Antwort des Mannes, obgleich dieser sich nun mit einem Funkeln in den Augen zu ihm umdrehte. "Ich kann dir aber auch gern zeigen, was mit denen passiert, die nicht wissen, wann es klüger ist, den Mund zu halten." Er sah sofort, dass der andere und sein Begleiter die Hände an die Knäufe ihrer Schwerter gelegt hatten. "Offensichtlich, Junge, weißt du nicht, wen du hier vor dir hast." "Jemanden, der ungern seine Rechnung zahlt, möchte ich meinen", gab er zur Antwort. "Jemand, der sich an unbewaffneten alten Händlern vergeht. Jemand, der denkt, dass er über dem Gesetz steht, nur weil er ein Schwert trägt. Bezahlt doch einfach den Schaden des Händlers und geht eurer Wege." "Hüte deine Zunge, wenn du sie nicht verlieren willst, Bursche!“ zischte der Fremde nun verärgert. „Ich bin der Junker Gernot vom Wiedebruch und ein persönlicher Freund des zukünftigen Grafen dieser Stadt! Ich tue, was mir gefällt!" Er wusste, was das zu bedeuten hatte, doch wich er nicht zurück. "Ihr seid ein Narr, der glaubt, mit Gewalt alles erreichen zu können, und ein Feigling, der sich nur schwächere Gegner erwählt. Ich schlug lediglich vor, dass ihr den Schaden bezahlt, den dieser Mann durch euer Zutun erlitt, denn sicher muss er eine Familie ernähren. Wenn ihr aber unbedingt kämpfen müsst, dann sucht euch jemanden, der sich zu verteidigen weiß, und keinen hilflosen Greis."

                                       … und verlieh ihm das Gefühl …

Stimmen. Aufgeregte Stimmen. Eines Abends sprach ihn der Mann an, der ihm dereinst im Hafen Arbeit angeboten hatte und für den er in der Zwischenzeit schon regelmäßig Botengänge übernahm. "Ich habe dich nie in eine der Moscheen gehen sehen, aber in die Tempel gehst du ebenfalls nicht, und auch nicht in die Kirchen der Christen. Warum meidest du die Gotteshäuser?" Er zögerte lange, bevor er mit gesenktem Haupt gestand, dass er keiner der drei großen Weltreligionen angehörte. "Es gibt für mich keinen Zweifel an der schöpferischen Kraft, die diese Welt geschaffen hat, doch hege ich Misstrauen gegen alle, die diese Kraft als ihren Gott für ihre Religion in Anspruch nehmen. Der Idee ist nichts abzusprechen, doch ihre Umsetzung steht oft in einem unüberwindlichen Widerspruch zu deren Idealen. Zu oft habe ich erlebt, wie im Namen des Gottes einer Religion anderen Menschen Unrecht zugefügt wurde." Er hielt kurz inne und überlegte, ob er vielleicht zu weit gegangen war oder zu viel von sich preisgegeben hatte. "Versteht mich bitte nicht falsch. Ich will gerne mehr über die Ziele der verschiedenen Religionen erfahren, sie besser verstehen lernen. Doch bisher habe ich mich in keiner von ihnen wiedergefunden." Und nachdem er kurz diesem Gedanken nachhing, ergänzte er halblaut, "nicht einmal in der meiner Väter."

                                          … von Leichtigkeit. …

Stimmen. Aufgeregte Stimmen. Er schlug die Augen auf. Er lag auf einer Strohmatte. Links und rechts von ihm lagen ebenfalls Männer, die sich gerade auskurieren und wieder zu Kräften kommen mussten. Links neben seinem Lager saß der Alte, dessen Gesicht ihm inzwischen vertraut war. Der Christ hatte ihn in den letzten Tagen immer wieder besucht. Auf seine Fragen hin, warum er dies täte, antwortete ihm der Iberer, sein 'Herr' hätte es ihm befohlen. In diesen Momenten bedauerte er, nur einen sehr begrenzten Wortschatz an lateinischen Vokabeln zu haben, denn es war die einzige Sprache, in der er sich mit dem Pilger verständigen konnte. Und ein jedes Mal begann der Pilger eine Geschichte zu erzählen, die er jedoch nur in Bruchstücken verstand. Es ging um einen Mann und andere böse Männer, einen weiteren Mann mit einem Esel und eine Herberge. Wie jedes Mal zuvor bemühte er sich auch diesmal den Sinn zu erfassen und lauschte gespannt. Doch die Anspannung ermüdete ihn wie immer und er sank auf sein Lager zurück in einen erholsamen Schlaf.

                                             … Es war, …

Stimmen. Aufgeregte Stimmen. Er trug gerade eine Schüssel voller Wasser einen Gang des Hospitals entlang, als er zwei Kreuzfahrer passierte, welche sich lautstark über ein wichtiges bevorstehendes Ereignis unterhielten. Wie gewöhnlich nahm er einige der Satzfetzen auf und wiederholte sie murmelnd, während er seinen Weg fortsetzte. Doch plötzlich stoppten die Schritte der Kreuzfahrer. "He, du, wer bist du? Verstehst du uns etwa? Sprichst du unsere Sprache?" Er blieb stehen und drehte sich um, innerlich darauf vorbereitet, wieder eine Unterhaltung in Deutsch zu führen. "Woher kommst du?" fragte nun der andere, als beide Kreuzfahrer sich näherten und mit einem Mal wurden ihm die Knie weich. Einer der Männer war der Reiter, der Askanier, der ihn damals fast niedergeritten hätte. Er war älter geworden und er hatte Falten um die Augen und die Nase, aber er war es, ohne jeglichen Zweifel!

                                                … als würde er endlich …

Stimmen. Aufgeregte Stimmen. Keuchen. Schweiß floss ihm durch die Brauen in die Augen. Langsam umkreiste er den Mann, der im Moment nur sein Gegner war. Und der umkreiste ihn. Wartend. Beobachtend. Lauernd. Er ließ sich nicht beirren und beobachtete den Mann ebenfalls aufmerksam. Auf den plötzlichen Ausfall reagierte er keinen Augenblick zu spät. All das, was sein Vater ihm beigebracht hatte, war ihm durch die vielen Übungen in Fleisch und Blut übergegangen. Für den Angreifer mochte es so aussehen, als würde er den Angriff parieren wollen, doch tatsächlich täuschte er diese Bewegung nur an. Blitzschnell machte er einen Schritt zur Seite, drehte sich dabei um seine eigene Achse und ließ den Angreifer so ins Leere laufen. Dieser versuchte noch reflexartig mit seinem linken Arm nach ihm zu greifen, doch damit hatte er gerechnet. Mit beiden Händen ergriff er den Unterarm des Mannes mit seinen kindlichen Händen und nutzte den Schwung des Mannes, um dessen Arm auf seinen Rücken zu drehen und ihn dadurch zu Fall zu bringen, dass er ihm zeitgleich auch noch ein Bein stellte. Der Mann brach in den Staub des Platzes nieder und gab jede Gegenwehr auf. Er ließ den Arm los und erhob sich. Vom Rand des Platzes erschollen begeisterte Rufe. Seine Mutter und sein großer Freund hatten den Kampf beobachtet. Auch sein Vater lachte ihn voller Begeisterung und mit tiefem Respekt in seinen Augen an. Es war das erste Mal, dass er seinen Vater im waffenlosen Kampf besiegt hatte und er spürte den Stolz aller Anwesenden in jeder Faser seines Körpers.

                                                   … nach Hause kommen. …

Stimmen. Aufgeregte Stimmen. "Der Mann?" "Vir", kam sofort die Antwort, "oder auch homo." Der große Junge nickte anerkennend und fragte gleich das nächste Wort ab. "Der Wald?" "Silva." "Der Baum?", sagte der große Junge und klopfte mit der flachen Hand auf den dicken Eichenast, auf welchen sie beide saßen. "Arbor." "Gut?" "Bonus. Und pulcher." "Schlecht?" "Malus. Und phaulius." "Die Kuh?" "Vacca." "Der Esel?" "Asinus." "Das Schaf?" "Ovis." "Der Hirte?" "Pastor." "Das Haus?" "Domus." "Die Herberge?" Zum ersten Mal zögerte er mit der Antwort. "Stabulum?" "Das bedeutet eher Stall", grinste der große Junge ihn freundlich an. "Deversorium oder auch hospitium bedeuten Herberge. Stadt?" "Oppidum." "Land?" "Terra." "Frieden?" "Pax." "Krieg?" "Bellum."

                                                      … Er ergab sich …

Stimmen. Aufgeregte Stimmen. Schreie. Beschimpfungen, die er nicht verstand und dennoch als solche erkannte. Den Ursprung des Lärms suchend entdeckte er alsbald eine Gruppe von Männern, die auf einen anderen, der wie ein Pilger gewandet war, mit Knüppeln und Peitschen einschlugen. Er hatte keine Ahnung, was die Gründe für diese Bestrafung waren, doch konnte es keinesfalls gerecht sein, jemanden, der schon wehrlos am Boden lag, derart zu traktieren. Laut rufend rannte er auf die Gruppe der Männer zu, doch diese reagierten nicht auf ihn. Fast schien es, als würden sie ihre Bemühungen den Pilger zu Tode zu prügeln noch verstärken. In Ermangelung einer eigenen Waffe und mit der Erkenntnis, dass Worte an dieser Stelle nicht helfen würden, fiel er einem der Peiniger in den Arm und entwand ihm die Peitsche. Sofort richtete sich der Zorn der Gruppe auf ihn und er ging unter ihren Schlägen zu Boden.

                                                            … alldem …

Stimmen. Aufgeregte Stimmen. Ein weiterer Abend voller Lektionen über die Sprachen des Orients und die Religionen, die diesen Teil der Welt bestimmten, neigte sich seinem Ende entgegen. Er hatte viel gelernt und war wie immer begierig auf Neues. Sein Herr, der ihm inzwischen ein väterlicher Freund geworden war, beendete den Unterricht mit den Worten, die inzwischen schon zu einer Art ritueller Formel geworden waren: "Und morgen gehst du hinaus und wendest an, was du heute erfahren hast." Warmherzige und freundliche Augen blickten ihn aufmunternd an. "Geh und lerne, Barnuta."

                                                               … und Barnuta …

Stimmen. Aufgeregte Stimmen.

                                                                  … hörte auf …

Stimmen.

                                                                     … zu sein.
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»Gute Nacht, da draußen - was immer du sein magst.«
Wuschel
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« Antworten #119 am: Februar 09, 2010, 01:08:32 »

...Er war fort.
Er streifte den Vorhang beiseite und trat hindurch.

---

Barnuta starb in den tiefen einer Tropfsteinhöhle.
In der Nacht zum 18. Mai 1204 saugte ein rasendes Monster, daß ihm zuvor noch das Leben gerettet hatte, sein Blut bis auf den letzten Tropfen aus.

---

Rachamiel wartete auf ihn.

Wisset, daß ihr entsteht, um zugrunde zu gehen

Stimme... eine vergangene Stimme...
"Mein Herr, Ich bin Frederic Marcin, meines Zeichens Forscher und Sammler von Artefakten."
Er ergriff Barnutas Hand und Schüttelte sie wie beim ersten Mal.
"Mein Instinkt sagt mir, ihr seid ein fehlendes Stück eines komplexen Rätsels. Mit Euren Fähigkeiten und meinem Wissen, können wir ein großes Geheimnis aufdecken...aber,"
Er setzte sich unsicher.
"Ich wollte nicht unhöflich sein, Euch in meine Angelegenheiten hineinzuziehen..."


...Rachamiel war nackt, sein langes offenes Haar fiel über seinen hellen gestählten Körper. Die wabernde Schwärze, in der sie sich befanden, wurde von dem Knaben verdrängt. Ein goldener Schein ging von ihm aus. Er hielt ihm die Hand hin, den Rücken zum Boden gekehrt.
"Kommt mit mir," sagte er.  
Als seine Finger Rachamiels umschlossen, strömte das goldene Licht in ihn.
"Ich werde dir zeigen, was deine Bestimmung ist."

Ihr seid das weiße Lamm, das sanfte Opfer

Stimme... eine vergangene Stimme...
"Ihr versteht noch nicht...." er sah nach unten..."Ihr könntet mir  helfen, eine bedeutende Entdeckung zu machen...vielleicht sogar, die Existenz Gottes zu beweisen..."
Noch enttäuschter dreinblickend, setzte er sich wieder.
Wieder stand er auf, und ergriff Barnutas Hand.
"Besucht mich doch heute Abend. Ich zeige Euch meine Sammlung. Dann werdet ihr einsehen, warum Ihr so wichtig für mich seid."
Marcin wartete auf eine Antwort, ehe er sich zu gehen wandte, fügte aber zuvor noch mit ernstem Blick hinzu:
"Joel hat sich noch niemals geirrt."


... Er fühlte sich gezogen. Undeutlich sah er seinen Körper daliegen, in enger Umarmung mit dem blutroten Todesengel. Wie glitzernde Geister stiegen sie auf. Das undeutliche graue Felsenlabyrinth flog an ihm vorbei. Unendlich erschien es, und doch verging keine Zeit, kein Augenschlag,
Rachamiel bedeutete ihm mit einem Lächeln, dass sie schon am Ende angelangt waren, und sank sanft mit ihm nieder. Er musste nicht stehen, er schwebte weiter. Sie sahen nichts, als eine Felswand.
"Das Ende," begann Rachmiel, "ist vorherbestimmt. Doch wo es liegen mag, vermögen nur die Vermessenen zu sagen."
Er senkte den Kopf und öffnete Das Auge. Ein Lichtstrahl ging davon aus, der das wahre Antlitz der Felswand offenbarte: Ein weißes Tor, so hoch dass er den Kopf nah oben richten musste, um deine Höhe sehen zu können.

Ihr seid der größte Teil von Kains spende

Stimme... eine vergangene Stimme...
"Ich bin Gelehrter. Mein Spezialgebiet ist die Erforschung biblischer Schriften. Ich reise durch die bekannte Welt um Originalschriften und Zeitzeugen zu besuchen. Damit meine ich alte Tempel, verborgene Höhlen und ihre Statuen. Eines Tages stieß ich in Anatolien auf eine Steintafel. Sie war tief in einem Stollen im Berg Ararat verborgen und von Fallen und einem Wächter beschützt. Ich nahm sie an mich.

   
...Vor dem Tor stand ein Mann. Er war klein und gebeugt, der Körper nur noch Haut und Knochen. Seine Kleidung war längst verrottet, die Haut dunkelbraun. Er klammerte sich an einem verrosteten Zweihandschwert fest, mit dessen Hilfe er mühsam das Gleichgewicht hielt. Als er sie bemerkte, richte er sich leicht auf. Ein paar Schritte kam er auf sie zu, das Schwert hinter sich her schleifend. Mühsam steckte er es in den Boden und stützte sich wieder darauf. Er sah Rachamiel direkt in die Augen.
"Deine Aufgabe ist erfüllt. Gehe in Frieden," schmirgelte seine Stimme wie Sand.
"Deine Aufgabe ist erfüllt. Gehe in Frieden," antwortete Rachamiel sanft.
Eine einzelne Träne rann über die Wange des Mannes. Seufzend ging er in die Knie, und hauchte sein Leben aus. Wie ein Liebender hielt er das Schwert umklammert, als könne er es mitnehmen.

Und auf Euren Schultern soll seine größte Sünde lasten,

Stimme... eine vergangene Stimme...
Sein Blick machte die Runde und flog über eine Tontafel, Eine kiloschwere Steintafel, eine lederne Schriftrolle, die er Dank seines guten Gedächtnisses wieder erkannte, ein Stück Treibholz und einen Faustgroßen Halbedelstein.
Alle Gegenstände waren mit Schriftzeichen verschiedener Art und Herkunft geziert, wußte Barnuta, auch wenn der Inhalt de Schriftrolle augenscheinlich verborgen war.


...Das Tor öffnete sich. Es schwang nicht auf, es glitt seitlich in die Wand, gerade so weit, daß sie hindurchschlüpfen konnten. In einer riesigen Halle, die von Salzsteinsäulen gesäumt war, thronte in der Mitte ein kleiner Altar. In einem Augenschlag waren sie dorthin geschwebt. Dort lag sie. Die Erfüllung van Rachamiels Schicksal. Eine bronzene Scheibe lag darauf. Ein lateinischer Text war darin eingraviert.
Er las…
… und verstand.

Denn ich allein unter den Kainskindern habe

Stimme... eine vergangene Stimme...
"Ich bin alt, Barnuta, älter als ich scheine." Er begann im Kreis zu laufen und über die Fragmente zu streichen, als wären es Kinder.
"Könnt ihr Euch etwas unter dem Begriff Kainskind vorstellen?"


...Er hatte sich die Worte gut eingeprägt, auf das er sie niemals vergessen würde.
"Hier..," begann Rachamiel bedeutungsvoll, "... am Ende meiner Zeit und am Anfang deiner Zeit, sollst du den Namen, der dir von deinem Volk gegeben worden ist, ablegen, und deinen wahren Namen enthüllen. Er war schon immer in deiner Seele, doch erst jetzt wirst du ihn ausprechen können. Schweige und dann sprich."
Barnuta schwieg und wartete. In seinem Geist bildete sich ein Wort: "Rujanel."

Ihn Droben um Vergebung angefleht,

Stimme... eine vergangene Stimme...
Marcin folgte den Spuren eines bestimmten Untoten. Inzischen hatte er sogar seinen Namen verraten: Saulot, der Sanfte. Er soll an Gott festgehalten und seine Brüder dazu bewegt haben, sich seiner Sache anzuschließen. ER soll den Sanften erhört haben. Nun ziehe er durch die Welt, seine abtrünnigen Brüder auf den Rechten Weg zurück zu bringen. Er hatte spuren hinterlassen, Fragmente eines Vermächtnisses.
Der wahre Grund, warum Marcin nach ihnen suchte, sein ganzes Leben ihrer Vervollständigung gewidmet hatte, blieb weiter Schleierhaft. Er schien von einem ehrenhaften und vor allem ehrlichen Schlag zu sein. Er war durch und durch Christ, doch mit "offenen Augen", wie er es nannte. Er war fasziniert von der Möglichkeit, all sein Wissen könnte der Wahrheit entsprechen.
Barnuta gewann den Eindruck, seiner Bekanntschaft liefe die Zeit davon; nein eher als strebe er einer Entgültigkeit entgegen.


... "Rujanel…" wiederholte Rachamiel zustimmend. Einen Moment lang blieben sie noch, in dieser Leeren Halle, in der es absolut still war, jeder für sich allein.
"Wir müssen gehen, wir haben nicht mehr viel Zeit," drängte Rachamiel. Er ergriff wieder Rujanels Hand und zog ihn mit sich.
Innerhalb kürzester Zeit hatten sie ihre Körper, an denen schleichend Schwärze empor kroch, erreicht. Rujanel sah, wie sein altes Ich seinen Tod fest umklammert hielt. "Es tut mir Leid, daß es so enden muß," sagte Rachmiel, "Das Tier hat Besitz von mir ergriffen, und ich ließ es gewähren. Ich… ich hätte dir dein Leben nicht nehmen können. Ich hätte dich nicht in die Nacht ziehen können. Das ist mein Preis den ich nun bezahlen muß: Ich gehe mit einer Sünde. Ich habe dich ermordet."

Und ich empfing Besuch von den schlimmsten Dämonen dessen Drunten

Stimme... eine vergangene Stimme...
"Ich ziehe schon länger durch die Lande, als ich bisher zugab. Meine Reise dauert schon mein ganzes Leben an, und ich spüre, hier ist das Ziel. Damit ist es für mich Zeit, einen Erben zu bestimmen, ihm all mein Wissen zu übergeben, damit ich endlich in Frieden ruhen kann."
Seine Stimme wurde leiser und sanfter. Er hob den Blick und sah ihn an. Barnuta erkannte zwei Dinge in den Seinen: unerklärliches Leid und... Frieden.
"Ich bin selbst ein Nachfahre dessen, dem ich folge. Ich bin ein Nachfahre Saulots, des Sanften. Mit anderen Worten: Ein Kainskind.
Doch im Gegensatz zu vielen anderen, bin ich meinem Gründer auch philosphisch gefolgt. Ich habe die Erleuchtung erlangt, und habe den Fluch abgeworfen. Ich bin bereit zu gehen."


... "Ich kann nicht vor den Herrn treten. Deshalb werde ich dir nicht nur ein Leben wieder geben, sondern du sollst meines auch bekommen. Ich schenke dir meine Seele.“ Mit diesen Worten strich er sanft über Barnuas Haar. Er setzte sich dazu nieder, so das seine Knie neben seinem liegenden Körper ruhten.
„Wenn du einmal nicht weißt was du tun sollst, horche in dich hinein. Ich werde in dir sein. Ich lasse dich nicht allein, auf deinem Weg. Er wird hart und weit sein…"

Jenen Schlangen die mich im Schlaf bissen

Stimme... eine vergangene Stimme...
"Ich bin Rachamiel! Ich zähle zum Clan Salubri!" rief er.
Seine Stimme pflanzte sich in einem Echo durch die Höhle fort. Das Alter fiel von ihm ab, als würde es einfach weggewischt. Die Haut zog sich glatt, das grau aus dem Haar verschwand und wich einer hellbraunen Mähne. Er strich sein Stirnhaar beiseite. Das, was Barnuta die ganze Zeit für eine tiefe Falte gehalten haben mußte, entpuppte sich als waagrechtes Drittes wimpernloses Auge, daß sich langsam öffnete. Die Iris hatte die gleiche Farbe wie die anderen beiden Augen: Rehbraun.
"Ich bin einer der dreizehn Wächter des Wissens! Ich hüte die Geheimnisse unseres Clansgründers!" , übertönte seine nun kraftvolle und reine Stimme jedes Tropfen, sogar das Rauschen des Blutes in Barnutas Ohren.
Seine Kleidung veränderte sich, und wich einer strahlend weißen Robe, ohne Schmuck.


... "Es ist deine Aufgabe, die letzten Worte Saulots zu bewahren.
Es ist deine Aufgabe, ihren Sinn zu begreifen.
Es ist deine Aufgabe, die Wahrheit zu erkennen
Es ist deine Aufgabe nach der Erleuchtung zu streben."

Jenem üblem Gewürm, das mein Blut aussaugte,

Stimme... eine vergangene Stimme...
"Ein Vampir fürchtet sich nur vor einem: Dem Tier.
Es wohnt jedem inne.
Untot zu sein ist... ein Kampf. Manche verfallen ihm, und werden zu Monstern. Andere nutzen es aus und werden zu gefährlichen Monstern. Und andere, wie ich, kämpfen dagegen an, und bewahren sich ihre Menschlichkeit.  Dir würde es vorbestimmt sein, nicht nachzugeben, und immer dem Weg der Menschlichkeit zu folgen.
Das Tier, kämpft auf verschiedene Weisen, und du wirst lernen müssen, ihm etwas entgegen zu setzen.
Das ist der wahre Fluch, Barnuta."


... "Gefahren lauern auf dich. Gib dich nicht zu erkennen, verbirg dich. Sprich nicht über deinen Clan, nicht über dein Alter. Daß du dir meine Seele nicht genommen hast, sondern ich sie dir geschenkt habe, wird dir niemand glauben. Dennoch werden sie es spüren, dass du den Amaranth begangen hast, auch wenn sie nichts darüber wissen. Sprich nicht darüber. Es sei denn, es rettet dein Leben. Verschweige meinen Namen. Hüte dich vor den Hexern, den Tremere, den Ursupatoren. Ich habe gesehen, daß sie uns jagen. Sie töteten Saulot, sie taten das mit ihm, was du mit mir tust, sie nahmen seine Seele. Einer von ihnen, Tremere selbst, tat es. Er sperrte Saulot in seinem Körper ein. Erst wenn er fällt, wird Saulot erlöst sein.
Sie werden nicht eher ruhen, bis wir fort sind."
Er machte ein Pause.
"Furcht soll dich aber nicht leiten. Dir werden nicht nur Feinde begegnen. Freundschaften sind gefährlich, aber scheue dich nicht, dieses Risiko einzugehen. Halte dich nicht zu weit von den Menschen fern, jedenfalls noch nicht. Du wirst viel über das Leben lernen müssen. Nutze die Gabe des Sehens um die Wahrheit zu erkennen. Stärke deine Seele um keine Schwäche zu zeigen. Heile jene, die Schwächer sind als du. Dann wirst du die finden, die dir wohlgesonnen sind. Nichts anderes hast du getan, seit du mich kennst."

Von ihnen lernte ich, dem Blut die Schwärze zu nehmen der Seele das Böse.

Stimme... eine vergangene Stimme...
Sanft griff er mit seinen Händen nach Barnutas Wangen und gab ihm den Bruderkuß.
Dieser unschuldige Kuß zeigte seine tiefe Ehrerbietung, er war rein, wie der Kuß eines Kindes - oder eines Engels.
Rachamiel küsste nicht Barnutas Lippen, sondern eher etwas tief in ihm, daß er schon lange nicht mehr hatte zeigen oder berühren lassen können.


... Der Todesengel regte sich. Barnuta war inzwischen erschlafft und hatte seine Umarmung gelöst. Rachamiels Wunden heilten nicht, aber er stützte sich auf Rujanel liegend auf den verbleibenden Arm und zog sich nach oben, bis er mühsam wieder zum liegen kam. Nun tropfte langsam sein Blut in Barnutas Mund.
Er schluckte, versuchte sich wegzudrehen.
„Das ist das Elixier deines Lebens, die Vitae,“ erklärte Rachamiel. „Du wirst dich darum kümmern müssen, dass du immer genug zur Verfügung hast, sonst fällst du in Starre, und kannst dich nicht so einfach regeneriere, wie ich es tat. Es ist ein geliehenes Leben, denn nichts anderes wird dich nähren.“
Barnuta sah sich zupacken, und gierig trinken.
„Schäme dich dessen nicht. Du musst nicht töten. Es schmerzt die Menschen und Tiere nicht. Nimm nur wenig, dann wirst du ihnen keinen Schaden zufügen. Nicht einmal eine Wunde wird zurückbleiben. Du wirst ohnehin niemanden mehr verletzen können, ohne selbst den Schmerz zu erleiden. Das ist der Fluch der auf unserer Kaste lastet, der Kaste der Wächter.
Doch… es ist Zeit für dich zurückzukehren. Gleich wirst du nicht mehr auf dieser Seite sein. Ich werde mit dir gehen...“ Sanft Griff Rachamiel in die Luft, und zog das Leichentuch beiseite. Ohne zurückzublicken, Schritten sie hindurch.

Und obzwar ich sterben mag, werdet ihr, meine Kinder weiterleben.

Stimme... eine vergangene Stimme...
An der Rückwand war ein Brett  aus mittlerweile versteinertem Holz angebracht. Es war mit spitzen Pfählen gespickt, die in der Mitte meist abgebrochen waren.
Unglücklicherweise war Rachamiel Seitlich hineingeraten, wo er an den längeren Spitzen aufgespießt worden war. Hilflos stand er beinahe aufrecht, seinen Brustkorb, Beine und Arme durchstochen. Seine Rippen waren eingedrückt, als wäre er zwischen Hammer und Amboss geraten. Sie hatten sich durch die Haut gebort und gaben ihm unter der Robe eine verzerrte Gestalt. Eine große Menge Blut klebte an der Wand und war auf dem Boden verteilt. Sein Gewand hatte sich ebenfalls rot gefärbt.
Rachamiels Augen waren aufgerissen, sogar das normalerweise geschlossene Dritte Augen auf seiner Stirn. Überraschung war darin eingraviert, und kein Leben war in ihnen zu sehen.


...Rujanel kehrte in Barnutas Körper zurück. Er brannte. Dort wo sein Blut gewesen war, brannte Feuer.
Als der Schmerz langsam verebbte, blieb keine Leere, wie sie nach einem Brand bleib. Etwas blieb zurück. Es war ein Teil von ihm, und doch war es Fremd. Das Biest. jetzt wo er ihm begegnete, verstand Rujanel. Es würde davon abhängen, zu was für einem Wesen er würde, welchen Weg er wählte. Er musste sich mit ihm vertragen, wenn er er selbst bleiben wollte. Das dort, diese reißende Bestie, war er selbst, doch zugleich war es auch eine düstere Prophezeihung, etwas das wahr werden konnte.
"Trink..." stöhnte Rachamiel.
Das Tier stimmte ihm zu. Rujanel glaubte ihm und wusste selbst, daß es gut für ihn war.
Er war nicht genug vorbereitet worden auf diesen Moment. Zu Schwach und zu überfordert war er, zu widerstehen, oder auch nur den Körperreflexen entgegen zu wirken. Er tat es. Jetzt, wo er mehr bekam, spürte er den Hunger.
Das Leben fehlte ihm, und Rachamiel bot es dar. Mit jedem Schluck fühlte er sich lebendiger. Er trank nicht nur, er nahm etwas auf. Er spürte, wie mächtig Rachamiel war, wieviel er wusste, wieviel er gesehen hatte.

Öffnet euer Auge und seht die Welt, wie sie wirklich ist,

Stimme... eine Stimme...
Rachamiel war nackt, sein langes offenes Haar fiel über seinen hellen gestählten Körper. In der Schwärze, in der sie sich befanden, wurde von dem Knaben verdrängt. Ein goldener Schein ging von ihm aus. Er hielt ihm die Hand hin, den Rücken zum Boden gekehrt.
"Kommt mit mir," sagte er.  
Als seine Finger Rachamiels umschlossen, strömte Licht in ihn.
"Ich werde dir zeigen, was deine Bestimmung ist."


...Rachamiel schrie. Er klammerte sich an Rujanel fest. Fingernägel bohrten sich in seine Schultern. "Hör nicht auf!" brüllte er mühsam. "Nimm mein Herz!"
Das Tier stachelte ihn an. Er näherte sich dem Apfel der Erkenntnis.
Nimm!
Trink!
Töte!

Ein einziger Schluck, so süß, daß er sein Leben dafür hergegeben hatte. Ihre Herzen wurden Eins. Ganz plötzlich wusste er alles über Rachamiel. Sein Leben, seine geheimsten Gedanken. Alles gehörte plötzlich ihm. Er war noch zu jung um es zu begreifen, eins jedoch spürte er ganz genau: Daß Alles, sein Tod und auch das, was kurz davor und danach geschah, hätte ganz anders passieren sollen. Rachamiel litt unendlich, unter seinen Taten.

Die Welt um ihn herum wurde weiß.
Sie waren unversehrt. Sie hielten sich fest, aufrecht stehend. Rachamiel ließ seine Arme an den seinen heruntergleiten und ging einen halben Schritt zurück, um Rujanel anzusehen. "Ich mochte dir danken," sagte er und legte den Zeigefinger auf Rujanels Lippen.
"Ich weiß du wirst einen guten Weg finden. Du wirst die Welt ein Stück besser machen. Wenn man ein Leben rettet, rettet man die ganze Welt. Vergiß das niemals." Rachmiel ging auf die Knie.
"Ich weiß, daß du mich erlösen wirst, eines Tages. Doch zu erst, erlöse dich selbst. Lerne, das Dritte Auge zu öffnen. Es wird dir die Wahrheit offenbaren."
Er legte sich nieder, bettete den Kopf auf dem Arm.
"Ich bin müde. Macht es dir etwas aus, wenn ich mich ausruhe? Wecke mich, wenn du mich brauchst, auch wenn du dich nur allein fühlst. Ich habe lange nicht geruht."
Er schloss die Augen.
Rujanel öffnete die Augen.

Und wisset, daß das, was ihr jetzt tut, eine weitere Generation heilen wird.

Stimme...
Rachamiel ließ seine Arme an den seinen heruntergleiten und ging einen halben Schritt zurück, um Rujanel anzusehen. "Ich mochte dir danken," sagte er und legte den Zeigefinger auf Rujanels Lippen.
"Ich weiß du wirst einen guten Weg finden. Du wirst die Welt ein Stück besser machen. Wenn man ein Leben rettet, rettet man die ganze Welt. Vergiß das niemals." Rachmiel ging auf die Knie.
"Ich weiß, daß du mich erlösen wirst, eines Tages. Doch zu erst, erlöse dich selbst."
Er legte sich nieder, bettete den Kopf auf dem Arm.
"Ich bin müde. Macht es dir etwas aus, wenn ich mich ausruhe? Wecke mich, wenn du mich brauchst, auch wenn du dich nur allein fühlst. Ich habe lange nicht geruht."
Er schloss die Augen.


...Rujanel erwachte. Zunächst glaubte er, er könne sich nicht aufrichten, weil sein Körper zu zerschunden war, und Rachamiels Gewicht auf ihn drückte. Als er gewohnheitsmäßig einatmete, bekam er Staub in die Nase.
Er musste jedoch nicht niesen. Er endeckte, daß er nicht atmen musste. Der drang dazu war verschwunden, wie ausgeschaltet. Sein Herz schlug nicht ein einziges Mal.
Wo war Rachamiel?
Etwas rieselte von seiner Brust und seinem Gesicht.
Seine Finger tasteten danach...
... seine Nase trügte ihn nicht...

...Asche.

« Letzte Änderung: Februar 11, 2010, 20:51:03 von Wuschel » Gespeichert
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